„Wir sind eine Universität für die Gesellschaft geworden“

1907 als Handels­hochschule entstanden, wurde die Universität nach dem Zweiten Weltkrieg als Wirtschafts­hochschule neu begründet. Diesen Oktober feiert die Universität das 75-jährige Jubiläum der Neubegründung. Im Interview berichten die Hauptautorinnen und -autoren der Festschrift Eine Universität für die Gesellschaft. 75 Jahre Neubegründung Wirtschafts­hochschule und Universität Mannheim – Dr. Sandra Eichfelder, Prof. Dr. Angela Borgstedt und Prof. Dr. Philipp Gassert – über Meilensteine und Herausforderungen im Lauf der Geschichte.

Wir feiern dieses Jahr die Neubegründung der Wirtschafts­hochschule Mannheim. Wie kam es zur Neugründung vor 75 Jahren?

Sandra Eichfelder: Die 1907 gegründete Handels­hochschule war 1933 nach der Machtübernahme durch die Nazis aufgelöst und als Staats- und Wirtschafts­wissenschaft­liche Fakultät in die Universität Heidelberg integriert worden. Nach Kriegsende war in Heidelberg dieser betriebs­wirtschaft­liche Teil, der ursprünglich zur Handels­hochschule Mannheim gehörte, nicht mehr gewünscht, weil er im Gegensatz zu den anderen Heidelberger Studien­gängen nicht als „rein wissenschaft­lich“ galt. Zusätzlich hatte man auf Landes­seite das Gefühl, dass man Mannheim etwas zurückgeben müsse. Hier kam Franz Schnabel, gebürtiger Mannheimer und damaliger Landes­direktor für Kultus und Unterricht, ins Spiel. Er setzte sich sehr dafür ein, dass dieser Teil wieder zurück nach Mannheim kam.

Angela Borgstedt: Ja, Franz Schnabel hat da richtig viel Energie reingesteckt. Er hat als Historiker auch allererste Lehr­veranstaltungen angeboten, obwohl er ja eigentlich Kultus­minister war. Außerdem war er in Heidelberg auch Wohnnachbar von Walter Waffenschmidt, dem Mannheimer Gründungs­rektor. Die beiden kannten sich und das erklärt die enge Verbindung und das Dreigestirn, als das sie gemeinsam mit dem Mannheimer Oberbürgermeister Josef Braun dann auch die Eröffnungs­veranstaltung der neugegründeten Wirtschafts­hochschule durchgeführt haben.

Philipp Gassert: Und dass die ehemalige Handels­hochschule als Wirtschafts­hochschule neubegründet wurde, hatte für die Stadt ganz praktische Gründe. Damit war sie eine staatliche Institution, für die auch der Staat zahlt. Die ursprüngliche Wirtschafts­hochschule war von der Stadt getragen worden.

Welches sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Meilensteine in der 75-jährigen Geschichte der heutigen Universität Mannheim?

Philipp Gassert: Da kann man vier Jahreszahlen nennen: 1946, 1967, 1999 und 2006. 1946 wird die Institution begründet. 1967 wird die damalige Wirtschafts­hochschule zur Universität erhoben. Das geschieht zum einen im Zuge einer allgemeinen Bildungs­expansion. Zu jener Zeit wurden mehrere Universitäten geschaffen – wie auch Konstanz, Ulm, Stuttgart, Karlsruhe oder Hohenheim. Es zeigt zum anderen aber auch, dass wir nicht mehr nur eine Institution sind, die Betriebs­wirte beziehungs­weise Handels­lehrer praktisch ausbildet, sondern dass mit den Sozial­wissenschaften und der Volkswirtschafts­lehre, auch den Sprach- und Geistes­wissenschaften sowie der Jura, in den 60er-Jahren große forschungs­orientierte Bereiche dazugekommen sind.

1999 tritt eine neue Grundordnung in Kraft. Diese neue Grundordnung bedeutet, dass die Universität Mannheim nicht mehr am verlängerten Arm des Ministeriums hängt, denn rechtlich ändert sich etwas: Die Hochschul­autonomie wird eingeführt. 1999 ist auch deshalb so wichtig, weil Mannheim die erste Universität in Baden-Württemberg ist, die mit der Grundordnung die Autonomie erreicht. Und an dem Mannheimer Modell haben sich alle anderen baden-württembergischen Universitäten orientiert.

Von 2005 bis 2007 prägte dann der große Universitäts­streit die Institution. Das war eine tiefe Krise, die sehr stark unsere – die philosophische – Fakultät betroffen hat, in dem aber klar gemacht wurde, wofür die Universität Mannheim inhaltlich steht. Das war ein Prozess der Profilschärfung, in dem es viel Gegenwind auch aus der Professorenschaft gab. Rückblickend war es richtig – und das sage ich als noch amtierender Dekan der Philosophischen Fakultät. Wegen dieser Profilschärfung stehen wir heute so gut da, wie wir dastehen.

Gab es neben dem Streit um die Profilbildung weitere Herausforderungen im Lauf der Zeit?

Angela Borgstedt: Es gab zwei Situationen in der Anfangszeit, da war gar nicht klar, ob das „Kind“ tatsächlich überlebt. Das eine waren Diskussionen über eine Zusammenlegung mit Karlsruhe. Etwas später war nicht sicher, ob die Stadt überhaupt noch Interesse daran hatte, an dieser Wirtschafts­hochschule und dem Standort festzuhalten.

Außerdem gab es am Anfang ganz praktische Herausforderungen: Wo bringen wir die Einrichtung überhaupt unter?Das waren zunächst wirklich Provisorien, bis man 1955 in einen Teil des wieder aufgebauten Schlosses ziehen konnte. Wo sollten die Studierenden wohnen? Wo kriegen wir Personal her? Man brauchte Leute, aber wo sollte man Unbelastete hernehmen? Das sieht man im Grunde bis in die 50er-Jahre hinein, da gab es meist nur Zweierlisten bei Besetzungen, weil man schlicht und einfach nicht mehr Bewerber hatte.

In den 60er-Jahren mussten dann aufgrund des Ausbaus der Hochschule auf einen Schlag ganz viele neue Stellen besetzt werden – zehn, zwölf neue Professuren pro Semester. Auch das war eine Herausforderung. Da hat praktisch eine Berufungs­kommission der anderen die Klinke in die Hand gegeben.

Sandra Eichfelder: Zu den Schwierigkeiten in der Anfangszeit habe ich auch zwei kleine Anekdoten. Der erste Nachkriegsrektor Waffenschmidt zum Beispiel hat seiner Sekretärin als Sekretariat ein Zimmer in seinem Privathaus angeboten, weil es nicht möglich war, Heizkohle zu bekommen. Er hat also gesagt: „Ich setze Sie in mein Privathaus, damit Sie nicht kalt sitzen müssen für Ihre Dienstaufgaben.“ Und eine zweite Sache war, dass in der Wiederaufbauzeit jeder Studierende auch Arbeits­stunden ableisten musste für die Hochschule, als Wiederaufbauhilfe.

Wie war das Studien- und Campusleben in der Anfangszeit der Wirtschafts­hochschule? Was waren die größten Unterschiede zu heute?

Sandra Eichfelder: Was mir als erstes einfällt, ist die prekäre Wohnsituation am Anfang. Natürlich ist es jetzt auch immer noch schwierig für die Studierenden Wohnraum zu finden, aber dass man zu zweit auf acht Quadratmetern in einem unterirdischen Bunkerraum haust und nichts hat als eine Bettpritsche und ein kleines Tischchen – ich glaube, das  sind doch große Unterschiede zu heute. Oder auch die Finanzierung der Studierenden, die anfangs noch das Hörergeld bezahlen mussten. Das Studium war nicht jeder sozialen Schicht möglich, BAföG wurde erst später eingeführt. Dafür gab es Stipendien für die Studierenden und auch sogenannte Freitische, das heißt dass Lokalbetreiber in der Stadt sich bereit erklärt haben, zum Beispiel zwei Studierenden dreimal die Woche ein freies Mittagessen zu gewähren. 

Angela Borgstedt: Vom Habitus her hat sich auch so Einiges verändert, wenn man Fotografien aus den 50er- und 60er-Jahren vergleicht mit heute. Damals war die Kleidung viel förmlicher, zum Teil saßen die Studenten im Anzug in der Vorlesung. Und am Anfang waren die Studenten hauptsächlich männlich. Ab den 50er-Jahren wird es diverser, b­unter. Schon sehr früh gibt es norwegische Studierende hier. Der globale Zuzug von ausländischen Studierenden verstärkt sich über die Jahrzehnte.

Philipp Gassert: Und noch ein Punkt: Ganz fundamental hat die Digitalisierung die Lehre und Verwaltung verändert, bei gleichzeitiger wachsender Bürokratisierung der Abläufe und Strukturen, wie der wachsende Aufwand für Prüfungs­ordnungen und Modulkataloge zeigt. Und wenn wir heute in Seminaren „zoomen“, so hat auch das in den 90er-Jahren als Teleteaching über Datenleitungen angefangen.

Den Gründern der Mannheimer Hochschule bzw. Universität war von Anfang wichtig, dass nicht nur Vollzeit-Studierende sich fortbilden konnten und dass die Mannheimer Bevölkerung an den wissenschaft­lichen Er­kenntnissen teilhaben konnte. Wie hat sich die Beziehung zwischen Universität und Gesellschaft über die Jahre entwickelt?

Sandra Eichfelder: Ja, die Bildung für die breite Bevölkerung war in der Handels­hochschul­zeit schon angelegt. Es gab ebenso reguläre Studien­gänge mit Abschlüssen wie die Möglichkeiten, Hospitant zu sein und nur einen Teil der entsprechenden Vorlesungen zu besuchen oder als Hörer für einzelne Vorlesungen teilzunehmen – wie es jetzt auch bei unserem Gasthörer- und Seniorenstudium der Fall ist.

Das Verhältnis zur Stadt war natürlich mal mehr, mal weniger eng. Aber es war kontinuierlich da und wurde auch durch Veranstaltungen, wie z.B. den Rektorball, der der Vorläufer unseres Schlossfests war, immer gepflegt. Das Ausgreifen in die Region war immer wichtig.

Die Verbindung zur Stadt war nach dem Krieg außerdem aufgrund der Problematik, unbelastete Lehr­kräfte zu rekrutieren, wichtig. Da wurde viel auf Honorarkräfte und Lehr­aufträge zurückgegriffen, die aus dem städtischen Bereich beziehungs­weise der Wirtschaft kamen. Personen aus Wirtschafts­unternehmen haben Lehr­aufträge für ihr besonderes Aufgabengebiet übernommen.

Philipp Gassert: Die Handels­hochschule war ursprünglich eine städtische Gründung. Auch 1946 hat sich die Stadt – mit dem Oberbürgermeister Braun – für die Hochschule eingesetzt. Und als es 2006 ans Eingemachte ging bei der Profilschärfung, war die Stadt auch wieder da. Der OB und die Stadträte haben gesagt: „Wir lassen uns unsere Universität nicht nehmen! Und wir wollen auch nicht, dass unsere Universität zurückgebaut wird zu einer Wirtschafts­hochschule.“ Wenn Sie nach Mannheim reinfahren, steht Universitäts­stadt auf dem Ortsschild. In Heidelberg, wo ich wohne, da steht‘s nicht, das wissen wir alle. In Heidelberg ist die Universität selbstverständlich und wird nicht hinterfragt, aber in Mannheim ist sie nicht so selbstverständlich. Mannheim wird natürlich als große Industriestadt, als Kulturzentrum gesehen und nicht so sehr mit seiner Universität identifiziert, so dass es zentral ist für diese Universität, dass die Stadt hinter ihr steht.

Die Uni war ja eine Wirtschafts­hochschule und ist immer noch eine Universität mit Schwerpunkt auf Wirtschafts- und Sozial­wissenschaften. Welche Rolle spielten und spielen auch die anderen Fächer für das Profil der Universität?

Philipp Gassert: Die sind zentral geworden und das unterscheidet die heutige Universität von der Wirtschafts­hochschule, die 1946 gegründet wurde. Auch wenn es von Anfang an einen Lehr­stuhl für Philosophie gab, weil es hieß: „Wenn wir hier Kaufleute ausbilden, dann sollen die auch eine gewisse Grundausbildung in anderen Bereichen haben, die sollen Sprachen, Geographie, Geschichte und bisschen Philosophie und so etwas können.“ Sie sollten also breit gebildet sein und „denken können“, so Gründungs­rektor Waffenschmidt. Aber heute ist diese Universität eine, die sich die Erforschung der Gesellschaft in ihrer Breite zur Aufgabe gemacht hat. Daher auch der Titel der Festschrift. Es ist längst mehr als eine große Wirtschafts­hochschule, das zeigt sich in den Strukturen. Wenn man den englischen Begriff nimmt, könnte man sagen, 1946 waren wir eine Business School. Darüber sind wir weit hinausgewachsen, das hängt mit der Expansion in den 60er-Jahren zusammen, als Sozial­wissenschaften, Recht, Sprachen und Geistes­wissenschaften hinzukamen. Wir sind eine Universität für die Gesellschaft geworden.

Interview: Katja Bauer, Dr. Maartje Koschorreck / Oktober 2021


Die Festschrift Eine Universität für die Gesellschaft. 75 Jahre Neubegründung Wirtschafts­hochschule und Universität Mannheim kann direkt beim Verlag oder im Campus-Shop der Universität Mannheim (Schloss Ostflügel) erworben werden.