Zuerst die Reichen, dann die Armen: Der Weg der Pandemie

Kein Zweifel: Die sozial Schwächeren trifft die Pandemie besonders hart. Zu Beginn der Corona-Krise sah das aber ganz anders aus. Im Frühling 2020 waren es zuerst die reicheren Regionen, in denen sich das Virus in Deutschland verbreitete. Jana Berkessel und Dr. Tobias Ebert vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES) der Universität Mannheim zeigten diese Entwicklung auf – nicht nur für Deutschland, sondern auch für England und die USA. Im Gespräch mit FORUM zeichnen die beiden Psychologen den Weg der Pandemie nach und erklären, warum die Ergebnisse ihrer Studie so wichtig für künftige Pandemien sein können.

FORUM: Sie haben untersucht, wie sich COVID-19 in Deutschland, England und den USA seinen Weg durch die Bevölkerung gebahnt hat. Wie sind Sie vorgegangen?  

Dr. Tobias Ebert: Wir haben uns auf Regionaldaten konzentriert und uns dabei konkret angeschaut, wie sich in Regionen in Deutschland, England und den USA die Infektions­zahlen während der ersten Welle entwickelt haben. Diese sind in allen Regionen am Anfang angestiegen, aber es gab Unterschiede darin, wie schnell die Infektions­zahlen in welchen Regionen anstiegen. Und genau für diese regionalen Unterschiede haben wir uns interessiert. Die Daten zum Infektions­geschehen haben wir dann entsprechend mit Regionalindikatoren verbunden. Gemäß unserer Hypothese haben wir uns in der Analyse dann besonders darauf fokussiert, inwiefern die Wachstumskurven in den Regionen davon abhängig sind, wie wohlhabend die Regionen sind.  

FORUM: Zu welchem Ergebnis sind Sie bei Ihren Untersuchungen gekommen? 

Jana Berkessel: Anhand dieser regionalen Daten haben wir festgestellt, dass in allen drei Ländern die Infektions­zahlen gleichermaßen in den reicheren Regionen deutlich schneller angestiegen sind. Das hat sich dann in den USA und England nach wenigen Wochen umgedreht, so dass dann die ärmeren Regionen stärker betroffen waren. Je länger die Welle angedauert hat, desto stärker waren die ärmeren Regionen betroffen. In Deutschland war das, laut unseren Ergebnissen ein bisschen anders, da konnte man erkennen, dass die Zahlen zwar auch am Anfang in den reicheren Regionen sehr stark ansteigen, das aber in der ersten Welle nie so richtig auf die ärmeren Regionen übergesprungen ist. Unsere Erklärung dafür ist, dass die erste Welle in Deutschland sehr schnell eingedämmt wurde.  

FORUM: Ohne Frage trifft die Pandemie gerade die weniger Privilegierten mit besonderer Wucht. Eingeschleppt hat das Virus aber Ihren Er­kenntnissen zufolge die reiche Elite? 

Dr. Tobias Ebert: Wer das Virus genau einschleppt, zeigen unsere Daten nicht, aber unsere Analysen weisen zumindest darauf hin, dass dies so sein könnte. Ich glaube, dieses Ergebnis ist das Besondere an der Studie. Denn wir sind natürlich nicht die ersten, die sich einen Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Status und der Ausbreitung von Pandemien anschauen. Der Konsens in der Wissenschaft war bis dahin aber eigentlich, dass vor allem ärmere Personen und ärmere Regionen stärker von Pandemien betroffen sind. Was wir nun zeigen konnten ist, dass das ganz am Anfang einer Pandemie anders zu sein scheint.  

Jana Berkessel: Ja, es gibt die anekdotische Evidenz, dass ganz zu Beginn eher privilegierte Personen betroffen waren – man denke beispielsweise nur an den frühen Hotspot Ischgl. Das waren erste Hinweise auf dieses „Einschleppen der Elite“, die wir versucht haben, systematisch zu untersuchen. Die allermeisten Studien hierzu finden – und das finden wir am Ende auch – dass natürlich die ärmeren Menschen und ärmere Regionen deutlich stärker von einer Pandemie betroffen sind und das liegt vor allem daran, dass diese Menschen weitaus weniger Möglichkeiten haben, sich vor dem Virus zu schützen. Sie haben beispielsweise häufiger Berufe, die nicht im Homeoffice ausgeführt werden können und damit mehr Kontakte mit anderen Menschen. Oder sie leben in engeren Wohnbedingungen, das heißt, sie können sich auch innerhalb der Familie nicht voneinander distanzieren. Es gibt da ganz viele Gründe, warum ärmere Regionen oder ärmere Menschen stärker von der Pandemie betroffen sind. Aber all diese Aspekte kommen eigentlich erst ins Spiel, sobald wir wissen, dass wir in einer Pandemie leben und sobald überhaupt irgendwelche Schutz­maßnahmen in Kraft treten.  

FORUM: Sie haben noch eine zweite Studie hinzugezogen, bei der Sie auf historische Daten zur „Spanischen Grippe“ zurückgriffen… 

Dr. Tobias Ebert: Ein Ansporn für uns war natürlich, dass man aus unseren Studien­ergebnissen ableiten kann, wie wir mit dieser Pandemie aber auch mit zukünftigen Pandemien besser umgehen können. Deshalb war es uns ein besonderes Anliegen herauszufinden, ob der von uns aufgezeigte Weg der Pandemie jetzt ein Spezifikum der COVID-Pandemie ist oder vielmehr eine generelle pandemische Gesetzmäßigkeit. Glücklicherweise haben wir jetzt nicht jedes Jahr eine globale Pandemie, das heißt man muss weit in der Zeit zurückgehen, bis man auf eine Pandemie stößt, die in ihrem Ausmaß vergleichbar ist mit der jetzigen. Und das ist in diesem Fall die Spanische Grippe, die ziemlich genau vor hundert Jahren stattgefunden hat. 

FORUM: Und wie verlief der Weg der Spanischen Grippe?  

Dr. Tobias Ebert: Wir haben mit Daten von einem Online-Friedhof gearbeitet. Bei Betrachtung dieser Daten konnten wir anhand der Sterbezahlen sehen, dass die Pandemie in den Daten klar reflektiert ist. Wir konnten über den Namen den sozialen Status approximieren und haben uns dann gefragt: Sind zu Beginn der Spanischen Grippe Personen mit einer Namenskombination, die einen hohen sozialen Status nahelegt, häufiger gestorben, als Personen mit einem niedrigen sozialen Status und hat sich das über die pandemische Welle gedreht? Und genau auf dieses Ergebnis sind wir beim Auswerten der Daten gekommen.  

FORUM: Welche Lehren lassen sich aus Ihren Untersuchungen für zukünftige Pandemien ziehen?  

Jana Berkessel: Wir haben uns jetzt zwei Pandemien angeschaut, die sich schon allein vom Übertragungs­weg des Virus sehr ähnlich sind. Sollte das bei einer zukünftigen Pandemie wieder der Fall sein, dann lässt sich aus unserer Studie ableiten, dass vor allem Regionen mit höherem sozialem Status am Anfang das Ziel von Outbreak-Monitoring sein sollten.  

Dr. Tobias Ebert: Die Hauptaussage der Studie ist, dass umso länger eine Pandemie andauert, sie umso stärker die Personen betrifft, die die geringste Möglichkeit haben, sich zu schützen. Und deswegen bedeutet das im Umkehrschluss auch, dass man eine Pandemie eben möglichst früh eindämmen sollte – nämlich, bevor sie von Reich auf Arm überspringt.

Interview: Jule Leger / April 2022

Dank einer eingeworbenen DFG-Förderung arbeiten Jana Berkessel und Dr. Tobias Ebert aktuell an einer Erweiterung ihrer Studie. Im Fokus ihrer Forschung steht hierbei die zentrale Frage: Inwieweit lassen sich die Ergebnisse auf weitere Länder und weitere Pandemiewellen generalisieren?