Eine kleine Geschichte der Nachhaltigkeit

Bei der hektischen Suche nach Lösungen für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts blicken viele auf das Morgen und hoffen auf innovative Erfindungen. Die Mannheimer Historikerin Anette Kehnel hingegen wirft in ihrem Buch «Wir konnten auch anders. Eine kurze Geschichte der Nachhaltigkeit» einen Blick in die Vergangenheit und zeigt, was wir aus dem vermeintlich so finsteren Mittelalter für eine Zukunft jenseits von Gewinnstreben, Eigennutz und Naturzerstörung lernen können.

FORUM: Sie sind Professorin für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Mannheim. Der Blick zurück in die Vormoderne zum Thema Nachhaltigkeit, den Sie mit ihrem Buch wagen, ist nicht unbedingt selbstverständlich. Wie kamen Sie auf dieses Thema? 

Annette Kehnel: Die Studierenden gaben den Anstoß für das Buch. Das ist ein großes Privileg meines Berufs, dass ich immer mit der Generation der Zukunft im Gespräch sein kann. Und deren Fragen und Ideen sind ja entscheidend für das 21. Jahrhundert. Im 19. Jahrhundert war „Nation building“ das entscheidende Thema, also haben sich die Historiker für die Anfänge der Staatlichkeit interessiert. Im 21. Jahrhundert ist Nachhaltigkeit das große Thema. Wie lässt sich verhindern, dass wir den Planeten zerstören? Jane Goodall formulierte die Frage einmal folgendermaßen: „Wenn der Mensch immer betont, dass er die intelligenteste Art auf dem Planeten ist – warum zerstört er dann sein eigenes Zuhause?“  

FORUM: Eine der Ausgangsthese Ihres Buches ist, dass wir uns heute immer noch als moderne Menschen fühlen, während die Moderne selbst ja auch kein allzu junges Konzept mehr ist. Was ist in Ihren Augen falsch daran, Probleme der Zukunft mit Konzepten der Moderne lösen zu wollen? 

Annette Kehnel: Wir müssen einfach hin und wieder die Prämissen unseres Denkens auf den Prüfstand stellen, da reicht ein einfacher Faktencheck. Passt die Trinität von Wachstum, Wohlstand und Fortschritt als Credo des modernen Wirtschafts­verständnisses noch ins 21. Jahrhundert? Wachstum zum Beispiel hat lange Zeit super geklappt. Es war zu Zeiten von Roosevelts „New Deal“, also in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts super wichtig. Damals hat man die Ankurbelung des Konsums als Allheilmittel für die Weltwirtschafts­krise erkannt hat. Und dann kam nach dem 2. Weltkrieg das Wirtschafts­wunder hinzu. Man spricht auch vom „50er Jahre Syndrom“, von der Erfindung der Wegwerf­gesellschaft. Wenn wir das historisieren, also in historische Kontexte einordnen, dann kann man schon mal fragen: Okay, was für die 1930er oder 50er Jahre das Richtige war – passt das noch für das 21. Jahrhundert? In die Zeit des Klimawandels? Es ist ja offensichtlich, dass wir heute die Zerstörung des Planeten verhindern müssen, also gegen die unbeabsichtigten Nebenfolgen ungehemmten Wirtschafts­wachstums kämpfen müssen.  

FORUM: Was können wir denn aus der Geschichte in Sachen „Nachhaltigkeit“ lernen? 

Annette Kehnel: Wir können das Nachhaltigkeits­wissen unserer Vorfahren als wichtige Ressource anzapfen. Ein Beispiel ist die Bodenseefischerei. Den Fischer des Bodensees ist es gelungen, ein internationales Gewässer über Jahrhunderte gemeinsam zu bewirtschaften, ohne dass der See leer gefischt wurde. Entscheidend dafür waren die Regeln, die an regelmäßig abgehaltenen Fischertagen stets neu verhandelt wurden, je nach aktueller Lage. Wenn es wenig Bodenseefelchen gab, wurde die Maschengröße der Netze erweitert, so dass mehr Jungfische überleben und im Winter laichen konnten. Im Bodensee wurde nachhaltig gefischt, lange vor der Erfindung des Begriffs Nachhaltigkeit: Nicht um die Umwelt zu schützen, sondern als Überlebens­strategie. Denn natürlich hatten die Fischer ein Interesse daran, die Ressource See auch für ihre Kinder und Enkel zu erhalten. Generationen­übergreifendes Denken ist eine wichtige Lehre aus der Geschichte: Statt Gegenwartsfixierung nach dem Motto „Vor uns die Steinzeit – nach uns die Sintflut“ ist Weitblick gefragt. Geschichte ist gut gegen Kurzsichtigkeit. 

FORUM: Mit den 17 Nachhaltigkeits­zielen der Vereinten Nationen sind ganz unterschiedliche Themenfelder abgedeckt. In Ihrem Buch beschreiben Sie ebenfalls anschaulich verschiedene Ansätze von Nachhaltigkeit. 

Annette Kehnel: Das stimmt. Da gab es Sharing Communitys wie beispielsweise die Beginenhöfe in Flandern. Frauen verschiedenen Alters und Standes, die in den wirtschaft­lich florierenden Städten Flanderns eigene Stadtviertel gründeten, sogenannte Beginenhöfe, oder auch «Cities of Ladies» genannt. Es gab keine Gütergemeinschaft, die Frauen teilten nicht ihren Besitz, aber sie teilten Lebenszeit, Nachbarschaft und Gemeinschaft – es ging auch um Sinn. Ein wunderbares Beispiel für Markt­teilhabe und ökonomisch soziale Nachhaltigkeit sind die Mikrokreditbanken in Norditalien. Was Muhammad Yunus im 20. Jahrhundert erfunden hat, schien auch Stadträten in Oberitalien im 16. Jahrhundert ein geeignetes Finanzinstrument zur Sicherung sozialer Nachhaltigkeit: Kleinkreditbanken. Damals hießen sie Monti di Pietà. Sie boten auch den ärmeren Bevölkerungs­schichten Zugang zu Kapital. Die Monti di Pietà und die Beginen zeigen, dass es viele unterschiedliche Formen des Wirtschaft­ens gibt und gab. Mit der Moderne und mit dem Kapitalismus hat jedoch eine Verengung unserer Vorstellung von Wirtschaft stattgefunden. Aber der Markt ist mehr als nur der Ort, an dem sich Angebot und Nachfrage treffen: Er ist auch ein Ort, an dem sich Menschen treffen. Menschen die sich wechselseitig etwas zu bieten haben.

FORUM: Sie haben das Buch geschrieben, um mögliche Alternativen und Vielfalt in der Vergangenheit zu finden und Sie sind durchaus fündig geworden. Hat Sie das selbst hoffnungs­froh gestimmt? 

Annette Kehnel: Was kann uns die Geschichte mitgeben? Sie kann definitiv helfen, den Status Quo Bias zu überwinden. Geschichte ist gut gegen Zukunftsangst, sie schult den Möglichkeits­sinn. Denn das Buch zeigt: Es gab und gibt Menschen, die ganz anders lebten als wir, aber trotzdem gut. Menschen können Nachhaltigkeit. Und ganz ehrlich, wenn unsere Vorfahren sehen würden, welche tollen Möglichkeiten wir heute haben – wunderbare Technologien, sozialen Medien, demokratische Entscheidungs­strukturen – sie würden sich wundern, warum wir so verzagt sind. Sie würden uns Mut machen, zum Aufbruch in die Zukunft, sie würden uns anfeuern, „Tut was. Nehmt die Sache in die Hand! Gestaltet Eure Zukunft! Und überlasst Change­management nicht der Krise“. Mein Wunsch ist es, der jungen Generation diesen Rückenwind aus der Vergangenheit mitzugeben.

Interview: Jule Leger / April 2022