„Wir müssen alle mit an Bord nehmen“

Organisatorisch hat sich einiges getan: Die Grundordnung der Universität wurde überarbeitet und damit im vergangenen Herbst eine vierte Prorektorenposition geschaffen mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit. Darüber hinaus gibt es seit November eine im Rektorat angesiedelte Referentin für Nachhaltigkeit. Was sich strategisch und inhaltlich beim Thema Nachhaltigkeit an der Universität tut, darüber hat FORUM hat mit der Kanzlerin der Universität, Barbara Windscheid, und der neuen Prorektorin für Nachhaltigkeit, Prof. Dr. Laura Marie Edinger-Schons, gesprochen.

FORUM: Das Thema Nachhaltigkeit ist an der Universität nicht neu. Seit wann beschäftigt sich die Universität damit? 

Windscheid: Das Thema habe ich vor fünf Jahren, als ich Kanzlerin wurde, von meiner Vorgängerin übernommen. Die Universität Mannheim bezieht zum Beispiel schon seit dem Jahr 2012 ausschließlich Ökostrom. Auch Aufmerksamkeits­kampagnen zur Mülltrennung oder zum Stromverbrauch gab es bei meinem Amtsantritt schon. Ebenso hatte die Uni damals bereits eine Regelung, wann Flugreisen in Frage kommen und dass für kürzere Strecken andere Verkehrs­mittel zu wählen sind.  

Edinger-Schons: Als Startpunkt für die gezielte aktive und partizipative Arbeit am Thema Nachhaltigkeit kann man die Gründung des Arbeits­kreises Nachhaltigkeit im Juni 2020, mitten in der Corona-Pandemie, sehen. Das war der Punkt, an dem wir einen „whole institutional approach“ begonnen haben, wir also versucht haben, alle mitzunehmen, die sich dem Thema Nachhaltigkeit widmen. 

FORUM: Was bedeutet Nachhaltigkeit im Universitäts­kontext?  

Windscheid: Da gibt es verschiedene Aspekte. Wir haben unseren Arbeits­kreis Nachhaltigkeit in drei Arbeits­gruppen untergliedert: zum einen die AG Governance, wo wir uns mit der Leitbildänderung und der Kommunikation beschäftigen. In diesem Rahmen wurde auch eine neue Webseite zu dem Thema aufgebaut. Dann haben wir den Bereich Forschung und Lehre. Zu Nachhaltigkeit wird unter verschiedenen Aspekten an der Universität geforscht. Im Bereich der Lehre wollen wir das Thema im Bereich Schlüssel­qualifikationen und in einzelnen Curricula verankern. Und dann haben wir das dritte große Thema Betrieb. Auch hier gibt es verschiedene Aspekte, zum Beispiel: Welche Energiequellen nutzen wir? Sind Präsenzmeetings notwendig oder können kurze Absprachen auch online getroffen werden? Auf was müssen wir bei der Beschaffung von Laptops, PCs, Bildschirmen achten? In all diesen Bereichen sind wir auch schon die ersten Schritte gegangen.  

FORUM: Eine der Aufgaben des Arbeits­kreises ist die Entwicklung einer Nachhaltigkeits­strategie. Steht die Strategie schon oder ist sie noch in der Entwicklung? 

Edinger-Schons: Eine Strategiebildung hat in dem Sinne bisher stattgefunden, dass wir Prioritäten in unserer Arbeit gesetzt haben. Aber ich glaube, das ist insgesamt ein Prozess, der nie abgeschlossen sein wird, denn die Herausforderungen, die auf uns zukommen, werden sich immer wieder verändern. Wenn man so einen schematischen Prozess der Strategie­entwicklung hat, dann geht es am Anfang erstmal darum, die Ausgangslage zu verstehen. Die weiteren Schritte sind dann Ziele formulieren, implementieren, messen und nochmal reflektieren, wo man steht. Wir sind jetzt gerade dabei, die Datenbasis aufzubereiten, versuchen also aus allen Bereichen der Universität Daten zusammenzutragen. Zum Beispiel zum Klima-Fußabdruck der Universität. Die Daten aus Sachkonten und Befragungen rechnen wir aktuell in CO²2-Äquivalente um. Auf Basis dieser Grundlage wird in diesem Frühjahr eine Zielbildung stattfinden. Und dann werden wir schauen, wie wir die Ziele am besten implementieren können. 

FORUM: Frau Prof. Edinger-Schons, seit 1. Oktober sind Sie Prorektorin für Nachhaltigkeit. Was haben Sie vor? 

Edinger-Schons: Die Berechnung des Klima-Fußabdrucks steht erst einmal ganz oben auf der Agenda. Und dann will ich auf dieser Basis mit dem Arbeits­kreis zusammen überlegen, wie wir uns insgesamt aufstellen. Wir müssen als Organisation festlegen, wer was macht und wie die Themen am besten vorangebracht werden. 

Darüber hinaus berechnen wir aktuell nicht nur unseren Klima-Fußabdruck, sondern entwickeln ein Klima­modell, welches uns helfen wird, die Ergebnisse einzuordnen. Wir wollen wissen: Sind wir auf dem 1,5-Grad-Pfad des Pariser Klima-Abkommens? Dieses Klima­modell wollen wir gemeinsam mit anderen Universitäten im Frühjahr pilotieren. Und meine Vision ist, dass wir in den nächsten Jahren eine Art Data Hub aufbauen. So etwas gibt es zum Beispiel in Harvard: eine Daten-Plattform, über die man auf die „Klima“-Daten zugreifen und mit diesen forschen und arbeiten kann. So etwas kann ich mir auch in Mannheim vorstellen.  

Außerdem möchte ich das Thema weiterhin so partizipativ wie möglich gestalten. Denn ohne alle mit an Bord zu nehmen, werden wir es nicht schaffen. Verhaltensänderung ist ein Riesenthema. Universitäten, die ihren Klima-Abdruck schon umfangreich gemessen haben, sagen, dass 75 Prozent des Fußabdrucks vor allem aus den Bereichen Mobilität und persönliches Verhalten resultieren. Deswegen ist das Partizipative, ein Kulturwandel, ein gesamt­organisationaler Ansatz für mich das Wichtigste für die nächsten Jahre.  

Und: wir dürfen nicht vergessen, dass das Thema Nachhaltigkeit mehr Dimensionen umfasst als Klima und Ökologie. Zwischen diesen Dimensionen kann es Wechselwirkungen und  Tradeoffs geben, z.B. zwischen ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit. Basierend auf den Nachhaltigkeits­zielen der Vereinten Nationen ist unser Ziel, ein umfassendes Verständnis der Nachhaltigkeit zu Grunde zu legen. 

FORUM: Gibt es auch Stellen, wo es schwierig ist, Gehör zu finden? 

Edinger-Schons: Gerade bei solchen Transformations­themen sind nicht immer alle einer Meinung, aber das ist auch wichtig! Nur durch das Zusammenspiel von Meinungen ergibt sich die beste Lösung. Das sollten wir auch als Debattenkultur fördern. In Bezug auf Nachhaltigkeit gibt es nicht DIE richtige Lösung, dafür ist das Thema zu komplex.  

FORUM: Wie sieht die Universität der Zukunft aus? Vielleicht im Jahr 2050? 

Windscheid: Als Universität sind wir Teil der Gesellschaft und werden uns parallel zum gesellschaft­lichen Wandel bewegen. Auch wenn wir gesamt­gesellschaft­lich doch eher ein kleines Licht sind, können wir einen Beitrag leisten. Viele kleine Lichter geben dann doch ein großes. 

Edinger-Schons: Nichts ist schwieriger, als die Zukunft vorauszusagen. Aber ich denke, wir müssen weggehen vom reinen Wissenstransfer. Wir können und sollten als Universität in der Zukunft eine Plattform bieten, wo verschiedenste Anspruchs­gruppen zusammenzukommen und Lösungen für gesamt­gesellschaft­liche Probleme erarbeiten können. Das ist etwas, was über das Thema Nachhaltigkeit hinaus geht, dafür aber eine sehr hohe Relevanz hat. Denn das Thema Nachhaltigkeit ist eins, bei dem wir nur gemeinsam eine Lösung finden können. 

Interview: Katja Bauer und Luisa Gebhardt / April 2022