Die Forschungs­welt: Ein globales Netzwerk

Von großen EU-Projekten bis zu einzelnen Postdocs, die ins Ausland gehen, um dort zu forschen – die Internationalisierung einer jeden Universität hängt eng zusammen mit den bestehenden Forschungs­kooperationen. Dank ihnen bleibt auch die Forschung an der Uni Mannheim auf dem neusten Stand und stets weltgewandt – denn aus den Projekten und den Auslands­aufenthalten bringen die Forschenden eines immer sicher mit: Ein großes, internationales Netzwerk.

Vor gepackten Kisten sitzt sie an diesem Sommermorgen und strahlt in den Bildschirm: Dr. Daniela Kuschel. Seit 2014 ist sie akademische Mitarbeiterin der Abteilung Romanische Literatur- und Medien­wissenschaft an der Universität Mannheim. Hier hat sie ihren B.A. und M.A. in den Fächern Romanistik und BWL abgeschlossen und zuletzt zur Darstellung des Spanischen Bürgerkriegs in populärkulturellen Medien promoviert. Doch nun, im September, soll es für die Postdoktorandin ein Jahr nach Paris gehen. Und selbstredend ist das aufregend – schon allein die Wohnungs­suche sei ein wahres Abenteuer gewesen – versichert Kuschel, doch ihre erste internationale Erfahrung wird es nicht werden. „Ich habe schon so oft überlegt, was Internationalisierung für mich eigentlich bedeutet. Und komme dabei immer zu demselben Schluss: Eigentlich ist Internationalisierung mein tägliches Brot! Und zwar von Haus aus“, lacht die Romanistin und erklärt: „Die Romanistik ist per se eine vergleichende Wissenschaft: wir bewegen uns mit unserer Forschung immerzu in fremden Literaturen und Kulturen, zum Beispiel von Frankreich oder Spanien. Es gibt bei uns zum einen stark interdisziplinär und international ausgelegte Projekte und zum anderen sind die Forschungs­interessen an sich auch einfach schon interkulturell und international.“ Und dann erzählt die Postdoktorandin von so einem typischen Tag aus ihrem Forscherinnenleben, wie der beispielhaft während des letzten Projektes ablief: „Da kam es schon mal vor, dass ich morgens ein Telefonat mit einem Forschenden aus Chile hatte, mittags einen Zoom-Call, da waren dann Kolleginnen und Kollegen aus Rumänien, Polen und Spanien dabei, und abends habe ich mich dann einem Skript gewidmet, dass – damit es für alle gleich gut verständlich ist – auf Englisch verfasst werden musste.“

Genau einen solchen internationalen Forscherinnenalltag, den Kuschel hier beschreibt, strebt auch die EU mit ihren großen Förder­projekten an. 12 solcher Verbund­projekte mit klangvollen Namen wie „PAsCAL“, „HEAL“ oder „RENergetic“ laufen momentan an der Universität Mannheim, die EU gibt hier die Themen vor und die Forschenden aus verschiedenen europäischen Ländern bewerben sich dann gemeinsam auf die Projekte. Auch eigene Projektideen können Forschende bei der EU einreichen und dann auf einen der renommierten ERC Grants hoffen. Seit Gründung des Europäischen Forschungs­rats (ERC) im Jahr 2007 wurden neun Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaft­ler der Universität Mannheim mit einem ERC-Grant ausgezeichnet, und konnten somit eine Millionen­förderung für die eigene Forschung generieren. Dr. Isabell Ludewig betreut als Forschungs­referentin die internationalen Forschungs­kooperationen, sie und ihre Kolleginnen in der Forschungs­förderung kennen all die großen und kleinen Förderungen, die DAAD-Gastprofessur, das Stipendien­programm der Alexander von Humboldt-Stiftung und weiß um die vielen Möglichkeiten, der Internationalisierung von Forschung: „Neben den großen Projekten und Auszeichnungen, die unserer Universität viel Geld und ein hervorragendes Renommee bescheren, gibt es die vielen

einzelnen Beispiele für Internationalisierung auf individueller Ebene, wie das von Frau Dr. Kuschel: Eine Postdoc wirbt Mittel für sich ein und geht sozusagen auf eigene Faust ins Ausland. Und trägt damit ganz klar zur Internationalisierung bei, denn Menschen wie Dr. Kuschel kommen zurück und haben ein Netzwerk gebildet, das wiederum der Universität Mannheim zugutekommt.“

Das Walter-Benjamin-Programm ist genau dafür konzipiert: Die Forschenden können nach ihrem Auslands­aufenthalt evaluieren, was sie erarbeitet haben und das dann wiederum einspeisen in das deutsche Wissenschafts­system, nicht nur an der eigenen Universität, sondern zusätzlich auch noch an einer anderen Uni in Deutschland. Daniela Kuschel hat sich erfolgreich auf dieses Programm der Deutschen Forschungs­gemeinschaft (DFG) beworben. Und so wird Kuschel zunächst für ein Jahr in Paris an der Sorbonne am „Centre de Recherche en Littérature Comparée“ bei Professorin Dr. Véronique Gély forschen und im Anschluss an der Universität Passau am Lehr­stuhl für Romanische Literaturen und Kulturen bei Professorin Susanne Hartwig arbeiten. Beide Ziele sind sorgsam ausgewählt – hier findet Kuschel die ideale Infrastruktur für ihre Forschung, die sich ganz auf die „Disability Studies“ (Studien zu oder über Behinderung) konzentriert und somit der Vorbereitung ihrer Habilitations­schrift dient.

Voller Vorfreude beginnt Daniela Kuschel von Paris – dem kulturellen Zentrum Frankreichs! – mit seinen unzähligen Bibliotheken und Archiven zu schwärmen und davon, sich in diesen für ein Jahr gänzlich vergraben zu dürfen. „Das ist ein großes Privileg, dass ich mich dort ganz auf meine Forschung konzentrieren kann. Aber es wird ohne Frage auch gefordert: Die Internationalisierung ist ein ganz wichtiges Feld innerhalb der wissenschaft­lichen Karriere geworden“, erzählt Kuschel. Und auch wenn sie jetzt schon tagtäglich international forscht und arbeitet, so schaffe der bevorstehende Paris-Aufenthalt bei ihr selbst auch ein größeres Bewusstsein darüber, wie wichtig es sei, sich nach der Rückkehr in die Prozesse der Internationalisierung der Uni Mannheim einzubringen. „Ich glaube, dass mir noch einmal bewusster wurde, was für Kompetenzen eigentlich bei mir selbst und in unserem Fach­bereich und aber auch in der gesamten Philosophischen Fakultät vorhanden sind. Wenn ich diese Internationalisierungs­erfahrung auch physisch gemacht habe, möchte ich meine Erfahrung und Kompetenzen unbedingt teilen und so zur Internationalisierung der Uni Mannheim beitragen“, so Kuschel.

Jetzt allerdings gehe es für sie erstmal um alltagspraktische Übungen und viele neue Erfahrungen: Wie komme ich an mein Metroticket? Muss ich in Frankreich immer einen ersten Gang bestellen – schauen mich die Leute schräg an, wenn ich nur ein Hauptgericht nehme? „Auch wenn ich internationales Arbeiten gewohnt bin, vor solchen alltäglichen Herausforderungen bin auch ich nicht gefeit!“, lacht Kuschel und fügt hinzu: „Aber ich lerne bestimmt viele nette Menschen kennen, die mir da weiterhelfen“. Und eben darum geht es ja sowieso hauptsächlich: Menschen kennenlernen, Netzwerke bilden, Erfahrungen machen und heimkehren mit einem Rucksack voll guter Erinnerungen und Kontakten, die einem das ganze weitere Forscherinnenleben hindurch begleiten und inspirieren.

Text: Jule Leger / Oktober 2022