Das Mannheimer Barockschloss und der Ehrenhof unter blauem Himmel.

Studie: Frauen erhalten im Landtag Baden-Württembergs weniger Aufmerksamkeit als Männer

Männliche Abgeordnete sind um rund sechs Prozentpunkte weniger aufmerksam, wenn im Plenum eine Frau spricht. Weibliche Abgeordnete hören Männern und Frauen dagegen gleich­ermaßen zu. Das zeigt eine Unter­suchung des MZES-Politik­wissenschaft­lers Dr. Oliver Rittmann und Kollegen.

Pressemitteilung vom 26. Februar 2026
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Ergreift eine Frau im Stuttgarter Landtag das Wort, dann wird ihr oft weniger Aufmerksamkeit zuteil als einem männlichen Abgeordneten. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Mannheimer Politik­wissenschaft­lers Dr. Oliver Rittmann und seiner Kollegen Prof. Dr. Dominic Nyhuis (Hannover) und Tobias Ringwald (Karlsruhe). Rittmann, der am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES) der Universität Mannheim forscht, hat mit seinem Team anhand von Videoaufzeichnungen aus dem Landes­parlament rund 25.000 Interaktionen zwischen redenden und zuhörenden Abgeordneten ausgewertet.

Der Unter­schied ist nicht riesig, aber eindeutig 

Die Ergebnisse seien eindeutig, erklärt Rittmann: „Frauen erhielten während ihrer Beiträge systematisch etwas weniger Aufmerksamkeit aus dem Plenum. Dieser Unter­schied bleibt auch bei Berücksichtigung weiterer Faktoren wie etwa der Tageszeit oder der Länge einer Rede bestehen. Diese spielen zwar für die allgemeine Publikumsaufmerksamkeit eine Rolle, können aber nicht erklären, weshalb Frauen im Schnitt weniger Aufmerksamkeit zuteilwird. Hier ist der Befund durchwegs stabil.“ Männliche Abgeordnete zeigten demnach durchschnittlich 5,86 Prozentpunkte weniger Aufmerksamkeit, wenn eine Frau sprach. Bei einer Redelänge von fünf Minuten entspricht das rund 18 Sekunden. „Man mag sagen: Das ist doch nicht viel. Auffällig ist aber, dass das Aufmerksamkeits­defizit zulasten der Frauen allein auf die Männer im Plenum zurückzuführen ist. Frauen gelingt es hingegen, Männern und Frauen gleich­ermaßen Gehör zu schenken“, gibt Rittmann zu bedenken. Denn für Frauen ergeben die Daten nur eine minimal erhöhte Aufmerksamkeit bei weiblichen Redebeiträgen. Diese Werte lägen nahe null und seien statistisch nicht signifikant, so die Autoren der Studie. 

Baden-Württemberg wohl keine Ausnahme, eher die Regel

Die geringere Aufmerksamkeit für Reden von Frauen im Stuttgarter Plenum weise wohl auf ein grundsätzliches Problem hin, vermuten die Wissenschaft­ler. Schließlich sei der Landtag Baden-Württembergs in vielerlei Hinsicht ein typisches Beispiel für ein europäisches Parlament und wohl eher keine Ausnahme. „Es ist plausibel zu vermuten: Was wir für Baden-Württemberg nun erstmals systematisch beobachten konnten, ist auch in anderen Parlamenten nicht unwahrscheinlich. Hier bedarf es jedoch weiterer Forschung“, betont Oliver Rittmann. Besonders interessant wäre es aus Sicht der Wissenschaft­ler zu unter­suchen, ob sich das Aufmerksamkeits­verhalten männlicher Abgeordneter im Parlament ändert, wenn Frauen weniger stark unter­repräsentiert sind als im Landtag Baden-Württemberg.

Denn wie in den meisten Parlamenten sind Frauen auch im Stuttgarter Landtag in der Minderheit. Im Unter­suchungs­zeitraum lag der Frauenanteil bei nur rund 26 Prozent. Erhielten Frauen für ihre Reden nun auch noch weniger Aufmerksamkeit, so sei das für eine Demokratie umso problematischer, geben die Wissenschaft­ler zu bedenken. „Weibliche Abgeordnete können nur dann gleichen Einfluss in Parlamenten ausüben, wenn sie denselben Respekt und dieselben Chancen wie Männer erhalten. Dies setzt voraus, dass gewählte Frauen gleiche Möglichkeiten haben, ihre Meinung zu äußern, und dass ihre Perspektiven Gehör finden. Unsere Studie zeigt, dass dies nicht selbstverständlich ist und dieses Thema Aufmerksamkeit verdient“, erklärt Rittmann.

Über 1.000 Reden analysiert

Die Analyse der Wissenschaft­ler basiert auf 1.003 Reden in 142 Stuttgarter Landtagsdebatten zwischen Juli 2018 und Juli 2019. Ungeschnittene Videoaufnahmen aus dem Parlament wurden mithilfe von Analysesoftware in einem eigens entwickelten Verfahren unter­sucht. Ob Abgeordnete während einer Rede aufmerksam waren, wurde dabei vorwiegend basierend auf ihrer Blickrichtung gemessen: War ihr Blick Richtung Rednerpult gerichtet, so wurden sie als aufmerksam angesehen. Ging ihr Blick jedoch in eine andere Richtung, etwa auf ihr Handy, so wurden sie als unaufmerksam eingestuft. Die Studie „Gendered Patterns of Parliamentary Attention“ erscheint in Kürze in der renommierten internationalen Fach­zeitschrift The Journal of Politics und wurde vom Verlag im Oktober 2025 online vorab veröffentlicht (s.u.).

Weitere Informationen und Kontakt:
Oliver Rittmann, Dominic Nyhuis, and Tobias Ringwald. 2025. “Gendered Patterns of Parliamentary Attention.” Online first: The Journal of Politics. DOI: https://doi.org/10.1086/739055
Dr. Oliver Rittmann
MZES-Fellow und Projektleiter
Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES)
Universität Mannheim
Telefon: +49-621-181-2853
E-Mail: oliver.rittmannmail-uni-mannheim.de 
https://www.mzes.uni-mannheim.de/de/people/detail/oliver-rittmann

Nikolaus Hollermeier
Presse- und Öffentlichkeits­arbeit
Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES)
Universität Mannheim
Telefon: +49-621-181-2839
E-Mail: kommunikationmail-mzes.uni-mannheim.de
www.mzes.uni-mannheim.de