„In Krisenzeiten wünschen sich viele Wähler*innen einen Politiker mit Regierungserfahrung an der Landesspitze“
Fünf Mannheimer Professoren aus Politik- und Wirtschaftswissenschaften beziehen Stellung zu den Ergebnissen der Landtagswahl.
Pressemitteilung vom 9. März
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Nach der Landtagswahl in Baden-Württemberg sehen Wissenschaftler der Universität Mannheim große wirtschafts- und koalitionspolitische Herausforderungen für die neue Landesregierung. Eine Fortsetzung der grün-schwarzen Koalition gilt als ausgemacht, während der wirtschaftsorientierte Realo-Kurs der Grünen und die Popularität von Cem Özdemir als wichtige Faktoren des Wahlausgangs gelten.
Gleichzeitig weist das Ergebnis nach Ansicht der Mannheimer Forschenden auf einen Wandel des Parteiensystems im Land hin: Während traditionelle Parteien wie SPD und FDP stark an Unterstützung verlieren, gewinnen politische Ränder an Zustimmung, und die Grünen haben sich endgültig als eine der dominierenden politischen Kräfte im Südwesten etabliert.
Die einzelnen Stellungnahmen der Mannheimer Wissenschaftler:
Prof. Dr. Jannis Bischof zu Erwartungen der baden-württembergischen Unternehmen:
Das knappe Wahlergebnis und die Bestätigung der grün-schwarzen Landesregierung spiegeln die wirtschaftliche Stimmung in den Unternehmen Baden-Württembergs nicht wider.
Aktuelle Befragungen des German Business Panel der Universität Mannheim zeigen: Die Zufriedenheit der Unternehmen im Bundesland mit der Wirtschaftspolitik liegt bereits seit dem vergangenen Sommer kontinuierlich unter dem bundesweiten Durchschnitt. Gleichzeitig fallen die Erwartungen an zukünftige Gewinne deutlich geringer aus.
Diese Entwicklung zeigt die strukturellen Herausforderungen der baden-württembergischen Wirtschaft, die in vielen Regionen stark von der Automobilindustrie und ihrem tiefgreifenden Wandel geprägt ist. Der wirtschaftliche Strukturwandel hinterlässt spürbare Unsicherheit in den Unternehmen. Unabhängig von parteipolitischen Konstellationen wird daher jede künftige Landesregierung vor der zentralen Aufgabe stehen, diesen Wandel erfolgreich zu gestalten, Wachstumsimpulse zu setzen und nicht zuletzt Arbeitsplätze langfristig zu sichern.
Nur in einem Trend stimmen die Präferenzen der Unternehmer mit dem Wahlergebnis überein: In der vergangenen Legislaturperiode haben die politischen Ränder auch in Unternehmen deutlich an Zustimmung gewonnen – ein Trend, der eng mit dieser wahrgenommenen wirtschaftlichen Unsicherheit verbunden ist.
Prof. Dr. Marc Debus zu möglichen Koalitionsszenarien:
Die einzige Koalitionsoption, die mit einer Mehrheit im Parlament ausgestattet ist und die von den Parteien zumindest nicht abgelehnt wird, ist die amtierende grün-schwarze Regierungskoalition.
Inhaltlich gibt es zwischen den Parteien durchaus Hürden, die überwunden werden müssen – etwa in der Bildungs- und Infrastrukturpolitik –, aber die Koalitionsforschung zeigt, dass amtierende Koalitionen, die stabil zusammengearbeitet haben, eine signifikant höhere Chance auf erneute Bildung haben als andere theoretisch mögliche Koalitionsoptionen.
Dadurch, dass die CDU in der Koalition mit den Grünen an Stärke gewonnen hat – beide Parteien haben gleich viele Mandate im Landtag und der Abstand ist von rund sieben Prozentpunkten auf 0,5 Prozentpunkte geschrumpft – kann die Union nach mehr bzw. wichtigeren Posten verlangen und auch besser inhaltliche Positionen durchsetzen, da in Koalitionsregierungen in der Regel Ämter (und auch Inhalte) gemäß der proportionalen Stärke der Koalitionsparteien vergeben werden. Auch ein für die CDU attraktiverer Zuschnitt der Politikbereiche auf die Ministerien ist eine Möglichkeit, wie sich das gute Abschneiden der CDU in der nächsten grün-schwarzen Koalition widerspiegeln kann.
Prof. Dr. Eckhard Janeba zu wirtschaftlichen Aufgaben der neuen Regierung:
Das schwache Abschneiden von FDP, SPD und Linke sowie die Stärke der AfD machen eine große grün-schwarze Koalition unausweichlich. Für die großen Herausforderungen, die das schwächelnde Exportland Baden-Württemberg bewältigen muss, ist eine breite politische Mehrheit wie auch die bereits bestehende Koalitionsarbeit ein stabilisierender Faktor.
Gleichwohl bleibt unklar, ob die beiden großen Parteien zündende Ideen haben, um den Niedergang der traditionellen Exportindustrien aufzufangen und das Ländle wieder zu einem Ort der technischen und wirtschaftlichen Innovation zu machen, der es mit den Wettbewerbern aus China und den USA aufnehmen kann. Exzellente Hochschulen können hier eine führende Rolle einnehmen, wenn die Ideen aus der Wissenschaft auch den Weg in marktfähige Produkte finden. Dies lässt sich nicht von heute auf morgen erwirken, sondern braucht Zeit und produktive Rahmenbedingungen. Ständig neue Krisen aller Art bedrohen dieses Ziel, weil die Bekämpfung der Krisen mit kurzfristigen Maßnahmen Aufmerksamkeit und Geld beansprucht.
Prof. Dr. Thomas König zum Erfolgsrezept der Grünen:
Der Realo-Kurs des grünen Spitzenkandidaten Cem Özdemir, der im Gegensatz zur linksorientierten Bundespartei eine sicherheits- und wirtschaftsorientierte Programmatik verfolgt, konnte nicht nur die Partei aus ihrem Tief führen, sondern diese sogar als Herausforderer der CDU etablieren. Wurden noch die baden-württembergischen Erfolge von B90/
Offensichtlich entgegen der Bundespartei von B90/
Ob sich dieser Erfolg von Cem Özdemir, in der Positionierung der Bundespartei niederschlagen wird, bleibt allerdings abzuwarten. Obwohl die Bundespartei mit nur 12 Prozent weniger als die Hälfte an Zustimmung erhält, unterscheidet sich diese immer weniger von der Linkspartei, die sich viral durch die TikTok-Auftritte von Heidi Reichinnek gegen die CDU und Kanzler Merz bei jungen Wähler*innen positioniert. Allerdings unterscheidet sich die Demographie von Wähler*innen nur unerheblich von der Gesamtbevölkerung, in der ein B90/
Seniorprof. Dr. Rüdiger Schmitt-Beck zu den Gründen des grünen Siegeszugs:
Ohne Möglichkeit zur genauen Analyse müssen alle Sofortdiagnosen nach der Wahl zwangsläufig spekulativ bleiben. Diesen Vorbehalt in Rechnung stellend, könnte man spekulieren, dass mindestens die folgenden beiden Faktoren dazu beigetragen haben, dass die Grünen auf der Ziellinie die Nase ganz leicht vorne hatten:
Erstens: Ihr Spitzenkandidat Cem Özdemir war aufgrund seiner langen bundespolitischen Vorgeschichte in der Wählerschaft erheblich populärer als Manuel Hagel von der CDU, der für viele Wähler lange Zeit ein unbeschriebenes Blatt geblieben sein dürfte. Seine hölzernen und bisweilen ungeschickten öffentlichen Auftritte dürften nicht dazu beigetragen haben, ihm größeres Ansehen zu verschaffen. Dass die CDU in den letzten Tagen plakatierte, dass in Zeiten der Unsicherheit schon immer die Union die bessere Wahl gewesen sein, erscheint geradezu ironisch: Falls dieses durch den Iran-Krieg der USA aktualisierte Motiv eine Rolle für die Wahlentscheidungen gespielt hat, hat es vielleicht eher den Grünen in die Hände gespielt. Denn in Krisenzeiten wünschen sich viele Wähler*innen vermutlich eher einen Politiker mit Regierungserfahrung an der Landesspitze als einen Neuling, der noch keiner Regierung angehört hat.
Zweitens: Das katastrophale Ergebnis der SPD und das hinter den Erwartungen zurückbleibende Ergebnis der Linken könnten darauf hindeuten, dass Anhänger dieser Parteien taktisch für die Grünen gestimmt haben, um dieser im Wettkampf mit der CDU um die Führung im Land den nötigen zusätzlichen Schub zu geben. Das wäre insofern ironisch, als Cem Özdemir sich sehr angestrengt hat, sich selbst als unabhängig von seiner Partei darzustellen und seine Landespartei als unabhängig von der Bundespartei erscheinen zu lassen.
Das Resultat der Wahl deutet auf einen massiven Wandel des Parteiensystems im Land hin. Zwei der drei Parteien, die traditionell wichtig waren, operieren nun in der Todeszone der Fünf-Prozent-Hürde – eine davon sogar knapp darunter: die FDP. Die andere knapp darüber: die SPD. Für die deutsche Sozialdemokratie ist dieses katastrophale Ergebnis in einem westdeutschen Bundesland ein Menetekel.
Die AfD hat sich fast verdoppelt und ist nun dritte Kraft im Land. Aber dass sie nicht das von Umfragen lange Zeit suggerierte 20 Prozentplus-Ergebnis eingefahren hat, könnte damit zusammen hängen, dass das zentrale Thema, von dem sie zuverlässig immer profitiert, in diesem Wahlkampf nicht die zentrale Rolle gespielt hat. Statt der Migration stand die Zukunft der baden-württembergischen Wirtschaft im Zentrum. Das Migrationsthema liefert der AfD immer Stimmen, ganz egal, wie sich die anderen Parteien, insbesondere die Union, dazu positionieren – ein Mechanismus, den insbesondere die Union bis heute nicht zu verstehen scheint. Aber in Wirtschaftsfragen wird der AfD keine nennenswerte Kompetenz zugeschrieben.
Kontakt:
Yvonne Kaul
Forschungskommunikation
Universität Mannheim
E-Mail: kauluni-mannheim.de
