Das Mannheimer Barockschloss und der Ehrenhof unter blauem Himmel.

Mehr Druck, weniger Kinder: Wie der Wettbewerb zwischen Eltern die Geburtenrate senkt

Eine neue Studie der Mannheimer Ökonomin Michèle Tertilt und Kollegen zeigt: Der soziale Vergleich zwischen Eltern und der Wettbewerb um die beste Bildung ihrer Kinder führen dazu, dass Familien weniger Kinder planen oder bekommen.

Pressemitteilung vom 17. Dezember 2025
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Eine neue Studie von Prof. Michèle Tertilt, Ph.D., von der Universität Mannheim und ihren Kollegen Prof. Minchul Yum, Ph.D., und Dr. Lukas Mahler zeigt: Eltern wünschen sich häufig mehr Kinder – doch entscheiden sich dagegen, weil sie das Gefühl haben, mit anderen Eltern und deren Investitionen in Bildung, Förderung und Betreuung nicht mithalten zu können. Der Vergleich zwischen Familien trägt somit maßgeblich zum weltweiten Rückgang der Geburtenraten bei.

Die im Fach­journal Brookings Papers on Economic Activity veröffentlichte Studie analysiert, warum in vielen Ländern weniger Kinder geboren werden, obwohl sich Familien grundsätzlich Nachwuchs wünschen. Die Ökonom*innen legen dar, dass nicht nur finanz­ielle Belastungen oder mangelnde Betreuungs­angebote eine Rolle spielen, sondern vor allem der gesellschaft­liche Druck, in jedes einzelne Kind besonders viel investieren zu müssen – etwa in Bildung, außerschulische Aktivitäten oder private Förderung. 

Ein Grund für den Anstieg des Drucks ist laut Studie die wachsende Rolle von sozialen Medien – insbesondere sogenannter „Momfluencer“. Diese präsentieren auf Plattformen wie Instagram oder TikTok idealisierte Bilder moderner Mutterschaft: kreative Früh­förderung, selbstgekochtes Bio-Essen, perfekte Kinderzimmergestaltung.

„In vielen Ländern gilt es inzwischen als notwendig, viel Geld und Zeit in die Förderung eines Kindes zu stecken, damit es mithalten kann. Das verändert, wie Familien über Kinder nachdenken – und wie viel Nachwuchs sie in Erwägung ziehen“, erklärt Tertilt. Der gesellschaft­liche Druck auf Eltern führt demnach nicht nur zu Stress und finanz­ieller Belastung, sondern kann auch dazu beitragen, dass die Bevölkerung langfristig schrumpft.

Besonders stark ist dieser Druck beim Wettbewerb um Studien­plätze in Gesellschaften mit sogenannten High-Stakes-Prüfungen – also Schul­systemen, in denen Testergebnisse maßgeblich über Schulkarrieren und Zukunfts­chancen entscheiden, wie das beispielsweise in Südkorea und den USA der Fall ist.

Im Zentrum der Studie steht ein ökonomisches Modell, das die Entscheidung von Familien simuliert, wie viele Kinder sie bekommen und wie viel Zeit, Geld und Energie sie jeweils investieren. Dabei zeigt sich: Je stärker der soziale Vergleich, desto höher der Investitions­druck pro Kind – und desto geringer die Geburtenraten. 

Ergänzt wird das Modell durch empirische Analysen, die beispielsweise zeigen, dass in Ländern, in denen sich Eltern besonders Sorgen um die Bildung der Kinder machen und viel eigenes Geld in Bildung investieren, die Geburtenraten besonders niedrig sind. Dazu gehören Südkorea und die USA. Auch innerhalb der USA lässt sich dieser Zusammenhang beobachten: In Regionen mit hoher sozialer Vernetzung ist die Kinderzahl besonders niedrig, selbst bei vergleich­baren Einkommen. Umgekehrt verzeichnen eher ländliche Regionen mit weniger intensivem Vergleich­s­verhalten und weniger Wettbewerb um Bildungs­chancen höhere Kinderzahlen, auch bei vergleich­barem Einkommensniveau.

Aus Sicht der Forschenden könnten politische Maßnahmen, die den Vergleich­sdruck im Bildungs­system reduzieren, dazu beitragen, dass Eltern sich eher für Kinder entscheiden. Dazu gehören etwa Reformen von Prüfungen und der Ausbau öffentlicher Bildungs- und Förderangebote. Auch ein offener Diskurs darüber, wie viel „Eltern-Investition“ sinnvoll und notwendig ist, könnte helfen, realistischere Erwartungen zu schüren.

Mahler, L., Tertilt, M., Yum, M. (2025). Policy Concerns in an Era of Low Fertility: The Role of Social Comparisons and Intensive Parentinghttps://www.brookings.edu/wp-content/uploads/2025/09/5_Mahler_Tertilt_Yum_unembargoed.pdf  

(Bei der Veröffentlichung handelt es sich um ein CRC Working Paper, das im Vorfeld der Brookings Papers on Economic Activity (BPEA)-Konferenz im Herbst 2025 entstanden ist. Die finale Fassung wird in der BPEA-Ausgabe im Frühjahr 2026 veröffentlicht.)

Kontakt:
Prof. Michèle Tertilt, Ph.D.
Lehr­stuhl für Makro- und Entwicklungs­ökonomie
Universität Mannheim
Telefon: +49 621 181-1902
E-Mail: tertiltmail-uni-mannheim.de

Yvonne Kaul
Forschungs­kommunikation
Universität Mannheim
E-Mail: kaulmail-uni-mannheim.de