Jianing Shen / Foto: Elisa Berdica

„Als die Zusage kam, war ich sehr aufgeregt und konnte mein Herz deutlich schlagen hören“

Jianing Shen ist 24 Jahre alt und stammt aus Haining – einer, gemessen an chinesischen Verhältnissen, „kleinen“ Stadt mit rund 800.000 Einwohnern nahe Shanghai. Nachdem Jianing bereits ein Jahr in China studiert hatte, kam sie vor drei Jahren nach Mannheim. Sie befindet sich nun im 4. Semester des Bachelor Kultur und Wirtschaft mit dem Hauptfach Medien- und Kommunikations­wissenschaften. In ihrer myUniMa story erzählt sie von den Unterschieden zu ihrem Studium in China, neuen Hobbys und einer ruhigeren Lebensweise, die sie in Mannheim für sich entdeckt hat.
 

Warum hast du dich entschieden in Mannheim zu studieren, anstatt dein Studium in China fortzusetzen?

Jianing: Ich habe bereits ein Jahr Medien und Kommunikation in China studiert, weil das in meinem Fall eine Voraussetzung war, um in Deutschland studieren zu können. Aber ich wollte schon immer im Ausland studieren. Viele meiner Freunde sind in die USA oder nach Kanada gegangen, aber ich habe in der chinesischen Universität direkt angefangen, Deutsch zu lernen. Die Universität Mannheim kannte ich schon wegen ihrem guten Ruf, auch das Schloss hat mich sofort beeindruckt. Aber ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass ich angenommen werden würde. Als die Zusage kam, war ich sehr aufgeregt und konnte mein Herz deutlich schlagen hören. Ich hab mich zwar auch für andere Unis beworben, wollte aber am liebsten nach Mannheim.

Wie unterscheidet sich das Studentenleben in China und Deutschland?

Jianing: In China wohnen alle Studierenden im Wohnheim. Man besucht die Vorlesungen gemeinsam und wohnt auch zusammen. Hier leben meine Kommilitonen oft auch außerhalb der Stadt und pendeln zur Uni. Studierende haben hier auch mehr zu tun. Oft haben sie neben dem Studium noch einen Nebenjob. Daher sieht man sich nicht ganz so oft, wie es in China üblich ist. Dafür hat man mehr Privatsphäre und das weiß ich zu schätzen.

Wie gefällt Dir das Studium in Mannheim?

Jianing: Ich mag, dass ich in Mannheim zwei verschiedene Fächer und dadurch einen Ausgleich habe. Hier ist das Studium auch wissenschaft­licher aufgebaut, mit qualitativen und quantitativen Methoden und vielen Theorien. In China hat sich mein Studium vor allem mit Fernsehen, Film und neueren Medien beschäftigt und wir haben auch Fotografiekurse belegt. Generell ist hier viel neu für mich, was ich nicht unbedingt erwartet hätte. Ich finde das Studium sehr anspruchsvoll, auch weil sich die Medien­wissenschaft viel mit Sprache beschäftigt. Und das fällt mir manchmal noch schwer. Aber ich besuche jetzt auch wieder einen Sprachkurs bei Studium Generale. Man hört nie auf, Deutsch zu lernen.

Wo fühlst du dich mehr zuhause? In China oder in Deutschland?

Jianing: Das ist eine schwere Frage. Ich habe mich an das Leben in Deutschland gewöhnt und habe hier auch Freunde und nette Kommilitonen gefunden. Ich bin nicht oft in China und wenn, dann besuche ich Verwandte und Schulfreunde. Meine Heimatsstadt fühlt sich mittlerweile ein bisschen fremd für mich an. Ich habe mich in den drei Jahren nicht nur an das Leben hier gewöhnt, ich weiß auch die Vorteile zu schätzen. Meine Kommilitonen sind hier sehr hilfsbereit und generell sind Menschen in Deutschland sehr ehrlich. Das mag ich, denn ich bin genauso. Ich mag hier auch, dass man seine Ruhe haben kann, wenn man das möchte. In China ist es manchmal zu lebhaft  und es gibt überall sehr viele Leute. Da ist das schwieriger.

Du engagierst dich neben dem Studium bei KinderHelden, wie bist du dazu gekommen?

Jianing: Meine Eltern engagieren sich zu Hause auch. Und ich habe mir gedacht, wenn ich in Deutschland wohne, will ich das auch machen. Das Programm von KinderHelden hat mir gleich gefallen. Man wird Mentor für ein Kind und verbringt jede Woche Zeit miteinander. Das Mädchen, mit dem ich mich treffe, ist ein bisschen schüchtern und ich will ihr helfen, das zu ändern. Ich mache mit ihr deswegen immer wieder etwas Neues. Sie ist schon neun Jahre alt, war aber noch nie im Museum. Deswegen sind wir zusammen in die Kunsthalle gegangen. Ansonsten gehen wir auch ins Kino, in die Kinderbücherei oder picknicken. Wenn sie Probleme bei den Hausaufgaben hat, helfe ich auch.

Was machst du in deiner Freizeit in Mannheim?

Jianing: Essen ist hier mein Hobby geworden (lacht). In China habe ich oft nur chinesisches Essen gegessen, hier probiere ich mit Freunden viel Verschiedenes aus. Ich koche und backe auch öfter mit ihnen zusammen. In China habe ich außerdem Schlagzeug in einer Band gespielt. Jetzt habe ich mir hier auch eins zugelegt. Wenn ich Stress habe – zum Beispiel vor den Klausuren – spiele ich und kann dabei alles andere vergessen. Ich gehe auch in den Sport und finde es gut, dass die Uni Sportkurse anbietet und ein eigenes Fitnessstudio hat. Außerdem habe ich mit drei Studentinnen gemeinsam eine Website für chinesische Studien­anfänger erstellt, die in Mannheim studieren möchten. Da geht es hauptsächlich um die Orientierung, also wie man nach Mannheim kommt und wie man sich hier an der Uni einschreibt. Am Anfang hatte ich auch Probleme, allein hier zurechtzukommen und es gibt viele chinesische Studierende, die kein Deutsch sprechen. Ich hoffe deshalb, dass die Website ihnen hilft.

Was möchtest du nach dem Bachelor machen?

Jianing: Danach würde ich gern weiter in Mannheim studieren. Was danach kommt, kann ich noch nicht sagen, das ist noch zu weit weg. Aber ich könnte mir vorstellen, zu bleiben und später in Deutschland zu arbeiten.

Interview: Milena Gropp  |  Photo: Elisa Berdica  |  August 2017